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Geschichten zum Nachdenken / Kolumne


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24.12.2014

KW 51-52 - Tagore und das Ego

Tagore und das Ego

Die Jahreszeit legt es eigentlich nahe, sich in diesen Tagen mit dem Thema "Weihnachten" zu beschäftigen. Und sicher wird in den kommenden Tagen auch noch ein geeigneter Beitrag seinen Platz auf diesen Seiten finden. Doch weil es mein Leben gerade berührt... und auch das Leben von allen anderen davon berührt und sogar gesteuert wird und zwar jeden Tag, habe ich mich entschlossen vorerst dem "Ego" ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen ein paar wundervolle und zum Nachdenken anregende Gedichte des indischen Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore vorstellen.





Rabindranath Tagore (1861-1941) - Aus dem Gitanjali:

Kapitel 29

Er, den ich mit meinem Namen umschließe,
er weint im Gefängnis.
Ich bin immer geschäftig,
die Mauer um ihn zu bauen
und wie der Wall in den Himmel
wächst Tag für Tag,
verlier ich in seinem tiefen Schatten
mein wahres Sein aus dem Auge.

Ich bin stolz auf die mächtige Mauer,
verkleb sie mit Staub und mit Sand;
daß nicht das kleinste Loch in diesem Namen bleibe.
Bei all dieser Sorge verlier ich
mein wahres Sein aus dem Auge.





Kapitel 30


Ich zog allein auf meinem Wege zum Stelldichein.
Doch wer ist dieses Ich, der im schweigenden Dunkel mir folgt?
Ich schleiche beiseite, um ihn zu meiden,
doch entkomme ich nicht seiner Gegenwart.

Er wirbelt den Staub von der Erde
mit seinem Stolzieren,
er fügt seine laute Stimme zu jedem Wort,
das ich äußre.

Er ist mein eignes, kleines Selbst, Herr,
er kennt keine Scham, doch ich schäme mich
zu deiner Türe zu kommen, in seiner Gesellschaft .





Kapitel 31


»Sag mir, Gefangner, wer hat dich gebunden?«

»Es war mein Meister,« sprach der Gefangne,
»ich glaubte jeden in der Welt
mit Macht und Reichtum auszustechen.
Ich häufte im eignen Schatzhaus das Geld,
das meinem König gehört.
Als mich Schlaf übermannt, ruhte ich aus
auf dem Bett, das für meinen Herrn bereitet,
erwachend fand ich mich als Gefangner
im eigenen Schatzhaus.«

»Sag mir, Gefangner, wer wars, der diese
unbrechbaren Ketten geschmiedet?«

»Ich war es,« sprach der Gefangne,
»der diese Ketten mit Sorgfalt geschmiedet.
Ich glaubte mit unbesiegbarer Macht,
die Welt zu fesseln, um Freiheit nur mir
ungestört zu erhalten.
So wirkte ich Tag und Nacht an der Kette
mit großen Feuern und grausamen harten Schlägen.
Und als das Werk getan, vollendet die Glieder
und unzerbrechbar, – da fand ich mich
selbst in ihrem Griff.«




Nun, ich weiß nicht wie es Ihnen geht, doch ich persönlich finde vor allem das Gedicht unter Kapitel 30 wunderschön und trotzdem unglaublich treffend in seiner Einfachheit. Es ist dieses Ich, das Ego. das alles bewertende, kommentierende, beurteilende in uns, das all den Staub in unserem Leben aufwirbelt. Im kommenden Jahr werde ich noch näher auf dieses Thema und die Auseinandersetzung mit dem Ego eingehen. Doch bisweilen überlasse ich Ihren selbst die Interpretation dieser Gedichte. Ich wünsche Ihnen viel Spaß damit und vielleicht sogar einige Erkenntnisse über Ihr eigenes Ego. Kommen Sie gut in und durch die Feiertage.



Ihr

Andreas Lorenz

 Algonos - Story der Woche KW 51-52 - Tagore und das Ego.docx


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