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Geschichten zum Nachdenken / Kolumne


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13.10.2014

KW 34-38 Paulo Coelho - Die Tränen der Wüste

Story der Woche
Die Tränen der Wüste (Paulo Coelho)

Ein Missionar, der eben erst in Marrakesch
eingetroffen war, nahm sich vor, jeden Morgen in die
Wüste hinauszugehen, die gleich vor der Stadt begann.
Bei seinem ersten Spaziergang bemerkte er einen Mann,
der, das Ohr an die Erde gedrückt, im Sand lag und mit
der Hand zärtlich über den Boden strich.
„Ein Verrückter“, sagte sich der Missionar.
Diese merkwürdige Szene wiederholte sich jeden Tag.
Nach einem Monat beschloss der Missionar beunruhigt, den
Fremden anzusprechen. Er hockte sich neben ihn und
fragte ihn in holprigem Arabisch:
„Was tut Ihr da?“
„Ich leiste der Wüste Gesellschaft und tröste sie.“
„Ich wusste nicht, dass die Wüste weinen kann.“
„Sie weint jeden Tag, weil es ihr nicht gelingt, ihren
Traum zu verwirklichen, dem Menschen nützlich zu sein,
indem sie sich in einen riesigen Garten verwandelt, in
dem er Getreide anbauen, Blumen pflanzen und Schafe
züchten kann.“
„Dann sagt doch der Wüste, dass sie durchaus nützlich
ist“, meinte der Missionar. „Jedesmal, wenn ich hier
entlanggehe, führt mir ihre Weite vor Augen, wie klein
wir in Wahrheit vor Gott sind.
Ich betrachte den Wüstensand und stelle mir die
Milliarden Menschen auf der Welt vor, die alle gleich
geschaffen und dennoch vom Schicksal ungleich behandelt
werden. Wenn ich sehe, wie die Sonne am Horizont
aufgeht, erfüllt sich meine Seele mit Freude und ich bin
meinem Schöpfer nahe.“
Mit diesen Worten verabschiedete sich der Missionar
und ging weiter seinem Tagewerk nach. Wie überrascht war
er jedoch, als er den Mann am nächsten Morgen an
derselben Stelle erneut in derselben Haltung vorfand.
„Habt Ihr der Wüste alles ausgerichtet, was ich Euch
gesagt habe?“
Der Mann nickte zustimmend.
„Und sie weint trotzdem weiter?“
„Ich kann jeden ihrer Schluchzer hören. Jetzt weint
sie, weil sie Jahrtausende lang geglaubt hat, vollkommen
unnütz gewesen zu sein, und all diese Zeit damit
verbracht hat, Gott zu lästern und gegen ihr Schicksal
aufzubegehren.“
„Dann erzählt ihr doch, dass der Mensch ebenfalls
einen Großteil seines Lebens damit verbringt, sich
unnütz und deshalb von Gott ungerecht behandelt zu
fühlen. Und wenn er in seltenen Fällen doch
herausfindet, wozu er auf der Welt ist, ändert er sein
Leben nicht, im Glauben, es sei ohnehin zu spät dazu.
Wie die Wüste leidet er lieber weiter und gibt sich die
Schuld an der vertanen Zeit.“
„Ich weiß nicht, ob die Wüste diese Worte hört“,
erwiderte der Mann. „Aber sie ist schon so an den
Schmerz gewöhnt, dass sie die Dinge nicht mehr anders
sehen kann.“
„Dann laßt uns tun, was ich immer tue, wenn ich spüre,
dass die Menschen die Hoffnung verlieren. Laßt uns
beten.“
Die beiden knieten nieder und beteten. Einer wandte
sich nach Mekka, weil er Moslem war, der andere faltete
die Hände zum Gebet, weil er Katholik war. Sie beteten
jeder für sich zu ihrer beider Gott, der ein und
derselbe Gott war, obwohl die Menschen darauf bestanden,
ihn bei unterschiedlichen Namen zu rufen.

Am nächsten Morgen war der Mann nicht mehr da. An der
Stelle, an der er immer den Sand gestreichelt hatte,
sprudelte eine kleine Quelle, und nach einigen Monaten
sprudelte sie so stark, dass die Bewohner von Marrakesch
einen Brunnen um sie herum bauten.
Die Beduinen nennen den Ort 'Brunnen der Tränen der
Wüste'. Es heisst, dass jeder, der von seinem Wasser
trinkt, imstande sei, den Quell seines Leidens zum Quell
seiner Freude zu machen und am Ende sein wahres
Schicksal zu finden.

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